Strategie Update: Mai 2026
Schweizer KMU-Stimmungsbarometer
RÜCKBLICK
DIE FINANZMÄRKTE IM APRIL
Der April 2026 war ein Monat voller Gegensätze. Auf der einen Seite prägte der Iran-Konflikt weiterhin die Energiemärkte und trieb die Inflationserwartungen in die Höhe. Auf der anderen Seite erlebten Schwellenländer und Technologiewerte einen bemerkenswerten Aufschwung, angetrieben von starken Chipmaker-Zahlen aus Asien. Der Monat endete mit einer weiteren Überraschung: dem Austritt der VAE aus der OPEC nach fast 60 Jahren Mitgliedschaft. Das dominierende Thema blieb der Nahost-Konflikt. Die faktische Blockade der Strasse von Hormuz hält die Energiepreise auf einem angespannten Niveau: Brent notiert aktuell bei 114 Dollar, WTI-Rohöl bei 110 Dollar pro Barrel. Da die VAE nach Saudi-Arabien über die zweitgrösste freie Produktionskapazität innerhalb des Kartells verfügen, dürfte ihr Abgang dessen Marktmacht strukturell schwächen und ihnen gleichzeitig die Flexibilität geben, die Produktion bis 2027 auf 5 Millionen Barrel pro Tag auszubauen.
Steigende Energiekosten verstärken den Inflationsdruck, bremsen das Wachstum und verengen den Spielraum der Notenbanken. Die EZB, als Nettoenergieimporteur besonders exponiert, steht vor der unangenehmen Wahl zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsstützung. Die Fed ihrerseits liess die Zinsen unverändert: Angesichts hartnäckiger Inflation und geopolitischer Unsicherheit hält sie sich alle Optionen offen. Der Ball liegt nun bei der EZB, deren nächster Entscheid mit Spannung er-wartet wird. Das bemerkenswerteste Gegengewicht zu dieser Unsicherheit kam aus Asien. Schwellenländeraktien kletterten auf ein neues Allzeithoch, angetrieben von starken Gewinnen bei asiatischen Technologiewerten. Der MSCI Emerging Markets Index verbuchte im Monatsverlauf ein Plus von rund 14,7%. Treiber dieser Rallye waren vor allem Halbleiterwerte: TSMC, Samsung Electronics und SK Hynix haben den EM-Index quasi im Alleingang aus den Verlusten des Iran-Konflikts herausgeführt. Eine Handvoll asiatischer Technologietitel dominiert heute den MSCI EM in einem Mass, das früher undenkbar gewesen wäre, und macht den Index zunehmend zu einem Vehikel für KI-Infrastruktur-Exposure.
Die Chipmaker-Rallye blieb kein asiatisches Phänomen. Auch andere Aktienmärkte rund um den Globus erlebten einen starken April. Nasdaq 100 und Nikkei 225 legten zwischen 15% und 18% zu, der S&P 500 gewann ebenfalls rund 13%. Da wirken die europäischen Märkte mit Zuwächsen zwischen 5% und 10% schon fast bescheiden, wobei Italien mit dem FTSE MIB als stärkster europäischer Markt herausstach. Der SMI hielt mit einem Plus von rund 5% solide mit. Am Anleihenmarkt blieben die Renditen erhöht. Staatsanleihen erwiesen sich erneut als schlechte Diversifikatoren, was die strukturelle Verschiebung im Zinsumfeld unterstreicht. Die 10-jährige US-Staatsanleihe notierte bei rund 4,43%, die deutsche Bundesanleihe bei 3,12%. Unternehmensanleihen zeigten sich stabiler: Die Spreads verengten sich leicht, was auf eine weiterhin robuste Kreditnachfrage hindeutet. Gold konsolidierte nach den starken Vormonaten und gab im April rund 2% nach. Der April 2026 lieferte damit ein vertrautes Bild in neuem Gewand: Geopolitik prägt die Stimmung, aber Unternehmensgewinne im Technologiesektor behaupten sich. Der VAE-Austritt fügt dem Energiemarkt eine neue strukturelle Variable hinzu. Und Asiens Chipmaker erinnern daran, dass in einem fragmentierten Weltmarkt regionale Stärken neue Gewichte setzen.
AUSBLICK
NORMALISIERUNG AN DEN ENERGIEMÄRKTEN: ILLUSION ODER REALITÄT?
„Der Konflikt in Nahen Osten befindet sich auf einem Pfad der Deeskalation, die Energieversorgungsketten werden sich sehr schnell erholen, geopolitische Spannungen lassen nach und die Inflation wird zurückgehen.“ Dies ist das Narrativ, das derzeit von den Finanzmärkten getragen wird. Diese optimistische Einschätzung steht jedoch zunehmend im Widerspruch zu anhaltenden strukturellen Fragilitäten. Insbesondere der Energiemarkt bleibt verwundbar. Strategische Engpässe – allen voran die Straße von Hormus – stellen weiterhin erhebliche Risiken für globale Ölflüsse dar. Bereits temporäre Störungen können überproportionale Preissprünge, steigende Transportkosten und regionale Versorgungsengpässe auslösen. Solange diese Korridore exponiert bleiben, kann das System nicht als resilient gelten. Zudem dürfte die Normalisierung globaler Lagerbestände länger dauern, als die Märkte derzeit erwarten – ein Spiegelbild der Tendenz, die Tiefe der aktuellen Einschränkungen zu unterschätzen. Der Faktor Zeit führt dabei zu einer zunehmenden Divergenz der Erwartungen hinsichtlich zukünftiger Energieflüsse und vergrößert die Diskrepanz zwischen realwirtschaftlichen Auswirkungen und Markterwartungen. Vor diesem Hintergrund erscheinen Energie-Rohstoffe unterbewertet. Die Marktstimmung bleibt gespalten, wobei viele einen Rückgang der Ölpreise im Jahresverlauf erwarten. Historisch betrachtet bleiben die Folgen von Energieschocks jedoch selten isoliert. Sie übertragen sich sektorübergreifend – auf Transport, industrielle Produktion, Düngemittel und letztlich auf Nahrungsmittelpreise. Im Kern erzeugen Energieschocks einen kaskadenartigen inflationären Effekt in der Gesamtwirtschaft.
Infolgedessen könnte sich die Inflation als persistenter erweisen als derzeit von den Anleihe- und Aktienmärkten eingepreist. Dies steht im direkten Gegensatz zur vorherrschenden Erwartung einer graduellen Disinflation bei gleichzeitiger geldpolitischer Lockerung. Sollten die Preisniveaus erhöht bleiben, könnten Zentralbanken gezwungen sein, restriktive Maßnahmen länger aufrechtzuerhalten als erwartet, Zinssenkungen hinauszuzögern oder diese sogar wieder anzuheben. Gleichzeitig gerät die Rolle des US-Dollars als sicherer Hafen zunehmend unter Druck. Politische Unsicherheiten, anhaltende Haushaltsdefizite und ein weniger überzeugender Zinsvorteil – kombiniert mit einer Verschuldung von 1,9 Billionen USD (rund 5,8% des BIP) – werfen berechtigte Fragen hinsichtlich der langfristigen Stabilität von US-Vermögenswerten, einschließlich Staatsanleihen, auf. Vor diesem Hintergrund werden die Implikationen für Investitionen klarer. Portfolios sollten stärker auf reale Vermögenswerte und Sektoren ausgerichtet werden, die von angespannten und fragilen Angebotsstrukturen profitieren, insbesondere Energie und Rohstoffe. In einem solchen Umfeld ist Inflationsschutz von zentraler Bedeutung, was für Sachwerte und inflationsindexierte Instrumente spricht. Zusammenfassend deutet das zugrunde liegende makroökonomische Umfeld auf einen Verlauf hin, der vom aktuellen Marktkonsens abweicht. Anstelle einer reibungslosen Normalisierung von Lieferketten und Energiemärkten ist vielmehr eine längere Phase strukturell persistenter, „zäher“ Inflation wahrscheinlich.
FOKUS
SCHWEIZER KMU-STIMMUNGSBAROMETER
Schweizer KMU navigieren 2026 durch ein anspruchsvolles Umfeld: Geopolitik, Zölle und Frankenstärke belasten die Stimmung, doch Resilienz, rege M&A-Aktivität und stabile Exportperspektiven zeugen von der strukturellen Stärke des Mittelstands.
STIMMUNGSLAGE
Wie geht es dem Schweizer Mittelstand Anfang 2026? Die Antwort ist differenziert. Die Stimmung ist spürbar vorsichtiger geworden, aber sie ist keineswegs pessimistisch. Wer genau hinschaut, erkennt ein Umfeld erhöhter Unsicherheit, kombiniert mit bemerkenswerter Stabilität. Die Schweizer KMU, über 99% aller Unternehmen, stehen erneut im Spannungsfeld globaler Entwicklungen. Laut der KMU-Mittelstandstudie von Kearney und swiss export sowie dem KMU-Barometer des Schweizerischen Gewerbeverbands verschiebt sich der Fokus klar auf geopolitische Risiken, Zölle und Währungsfragen, nachdem in den letzten Jahren Pandemie, Energiepreise und Lieferketten dominierten. 70% der Unternehmen nennen aussenpolitische Entwicklungen als grösstes Konjunkturrisiko, ein Anstieg von 29 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. 48% der KMU sorgen sich um die unklaren Beziehungen zur EU, ebenso viele um zunehmenden Protektionismus. Die US-Zollpolitik belastete ab August 2025 mit einem Zusatzzoll von 39% auf Schweizer Exporte, bevor dieser im November auf 15% gesenkt wurde. Auch auf dem reduzierten Niveau bleibt die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber EUKonkurrenten belastet. Nur noch 52% der KMU beurteilen ihre künftige Wirtschaftslage über die nächsten drei Jahre als gut oder sehr gut, 16 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr (68%). Für die kommenden zwölf Monate erwarten lediglich 30% gute wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, gegenüber 53% im Vorjahr. Besonders deutlich trübt sich die Stimmung bei mittleren und grossen Unternehmen: 40% von ihnen erwarten schlechtere Rahmenbedingungen. Der Schweizerische Gewerbeverband bestätigt dieses Bild in seinem aktuellen KMUBarometer: Jede zweite Kantonalsektion erwartet eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage für KMU in den nächsten zwölf Monaten, keine einzige rechnet mit einer Verbesserung. Und dennoch: Von Krisenstimmung kann keine Rede sein. Rund drei Viertel der Unternehmen (74%) trauen sich zu, die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Der Schweizer Mittelstand wirkt nicht euphorisch, aber gefestigt.
OPERATIVE LAGE
Ein Blick auf die Geschäftsentwicklung zeigt, wo der Schuh drückt. 40% der KMU rechnen für 2025 mit sinkenden Umsätzen, doppelt so viele wie im Vorjahr, und fast die Hälfte erwartet Margendruck. Grosse KMU mit über 10 Millionen Franken Umsatz sind besonders betroffen: 42% von ihnen erwarten Umsatzrückgänge, 49% sinkende Renditen. Binnenmarktorientierte Betriebe zeigen sich deutlich robuster, da sie von der stabilen Inlandsnachfrage profitieren und weniger dem Wechselkursdruck und den Zollrisiken ausgesetzt sind. Im industriellen Umfeld bewegt sich der Raiffeisen KMU-PMI knapp unter der Wachstumsschwelle: Er fiel im Dezember 2025 auf 49,4 Punkte, kein Einbruch, aber Stagnation. Für die Maschinen-, Elektro- und Metallbranche zeichnet der Swissmechanic Geschäftsklimaindex ein noch deutlicheres Bild: Mit rund minus 30 Punkten verharrt der Index im negativen Bereich, und drei Viertel der Unternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage als ungünstig. Eine nachhaltige Erholung sei laut Branchenverband weiterhin nicht in Sicht. Das SECO prognostiziert für 2026 ein unterdurchschnittliches BIP-Wachstum von 1,0%, zuletzt leicht nach unten korrigiert aufgrund gestiegener Energiepreise infolge des Nahost-Konflikts. Planungssicherheit ist zum knappen Gut geworden.
EXPORTPERSPEKTIVEN
Ein zentrales Thema bleibt der Wechselkurs. Der starke Schweizer Franken wirkt als struktureller Margendämpfer und hat sich 2025 gegenüber dem US-Dollar um rund 15% aufgewertet. Das verbilligt zwar ausländische Übernahmen von Schweizer Unternehmen, belastet aber gleichzeitig die Marge exportierender KMU erheblich. Laut dem SME Export Sentiment von Switzerland Global Enterprise liegt der aktuelle Export-Sentiment-Index bei 63,5 Punkten, klar über der Wachstumsschwelle. 57% der international tätigen KMU erwarten im ersten Halbjahr 2026 steigende Exporte, für das Gesamtjahr sind sogar 63% optimistisch. Die Reduktion der US-Zölle von 39% auf 15% brachte spürbare Erleichterung: Während im Sommer 2025 noch 58% der Unternehmen negative Auswirkungen der US-Zölle auf ihr Geschäft erwarteten, sind es heute noch 40%, obwohl das absolute Zollniveau höher liegt als ursprünglich erwartet. Währungsrisiken haben die Zollpolitik in der Rangliste der Exportsorgen mittlerweile wieder überholt und werden von 58% der exportierenden KMU als grösste Herausforderung genannt. Die Exportmärkte bleiben stark europäisch geprägt: Deutschland führt mit 81% die Liste der Absatzmärkte an, gefolgt von Italien (62%) und Frankreich (59%). Die USA bleiben trotz Zollthematik bedeutend, 55% der KMU exportieren weiterhin dorthin.
STRUKTURELLER WANDEL
Auffällig ist die strukturelle Anpassung vieler Unternehmen. Digitalisierung, technologische Kompetenz und regulatorische Anforderungen gewinnen an Bedeutung. Über 80% der KMU sehen europäische Regulierungen als bedeutenden Einflussfaktor, insbesondere kleinere Betriebe, die den steigenden administrativen Aufwand überproportional spüren. Themen wie Energiepreise oder Fachkräftemangel sind zwar nicht verschwunden, haben aber gegenüber geopolitischen und handelspolitischen Unsicherheiten an relativer Bedeutung verloren. Gleichzeitig wird Künstliche Intelligenz von 82% der befragten KMU als Chance gesehen, die grösste aller abgefragten Entwicklungen. Die Herausforderungen haben sich also verschoben: weg von akuten Versorgungsfragen, hin zu strategischer Positionierung in einer fragmentierten Weltordnung. Viele Unternehmen reagieren pragmatisch mit neuen Partnerschaften (27%), Markt- und Lieferantendiversifikation (22%) sowie gezieltem Resilienzaufbau (20%). Diese Anpassungsfähigkeit ist ein strukturelles Merkmal des Schweizer Mittelstands und erklärt, weshalb er trotz angespanntem Umfeld keine Krisensymptome zeigt.
M&A UND AUSBLICK
Während sich die operative Stimmung eingetrübt hat, zeigt sich auf strategischer Ebene ein bemerkenswertes Gegenbild. Die M&A-Aktivität mit Schweizer KMU ist 2025 um 16% gestiegen, mit insgesamt 208 verzeichneten Transaktionen gegenüber 179 im Vorjahr. Besonders deutlich nahm die Zahl ausländischer Käufer zu: Inbound-Transaktionen stiegen um 65% auf einen Rekordwert von 104 Deals. 56% aller Transaktionen involvierten Private Equity, ein Anstieg von 45% gegenüber dem Vorjahr. Treiber war vor allem der IT- und Softwaresektor, der 28% aller Deals auf sich vereinte. Trotz globalem Gegenwind bleibt der Schweizer Mittelstand für internationale Investoren attraktiv. Innovationskraft, Spezialisierung und politische Stabilität machen viele KMU zu begehrten Übernahmezielen. Gleichzeitig nimmt der Nachfolgedruck zu, insbesondere in kapital- und regulierungsintensiven Branchen, sodass Konsolidierung zunehmend Teil der unternehmerischen Realität wird. Für 2026 erwartet Deloitte eine Fortsetzung dieser Dynamik: reichlich verfügbares Kapital bei Private-Equity-Firmen, weiter sinkende Zinsen und ein resilientes makroökonomisches Umfeld sprechen für anhaltend hohe M&A-Aktivität. Was bleibt als Gesamtbild? Das Schweizer KMU-Stimmungsbarometer 2026 zeigt keine Euphorie, aber auch keine Krise. Es zeigt erhöhte Sensibilität gegenüber geopolitischen Risiken, einen klaren Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit und eine realistische Einschätzung der Margensituation. Kurzfristig ist die Dynamik gebremst, mittelfristig bleibt die Substanz intakt. Die Unternehmen agieren vorsichtiger, investieren selektiver und diversifizieren stärker, aber sie ziehen sich nicht zurück. Für Anleger bedeutet dies: Der Schweizer Mittelstand bewegt sich in einem anspruchsvollen Umfeld, bleibt jedoch strukturell solide aufgestellt. Qualität, Preissetzungsmacht und internationale Nischenpositionierung gewinnen weiter an Bedeutung. Zwischen Vorsicht und Widerstandskraft zeigt sich ein vertrautes Muster: Schweizer KMU sind keine Stimmungsmacher, aber sie sind anpassungsfähig. Und genau darin liegt ihre Stärke.

