2025-12

Strategie Update: Dezember 2025

Wie Apple sicherer wurde als die USA

RÜCKBLICK

DIE FINANZMÄRKTE IM NOVEMBER

Die Tage vor Nvidias Quartalszahlen Ende November waren angespannt. Tagelang dominierten Schlagzeilen, die vor einer KI-Blase warnten. Technologieaktien rutschten ab, Investoren verkauften in Panik. Dann kam die Veröffentlichung: Nvidias Zahlen fielen solide aus, der Umsatz lag vier Prozent über den Erwartungen. Kurzzeitig brachte das Ruhe ins System – doch es sollte nur ein Strohfeuer sein. Die heftigen Kursschwankungen zeigen, dass Investoren die wachsenden Risiken ernst nehmen. Nach der rasanten Kursrally schien ein Umdenken stattgefunden zu haben. Viele nahmen lieber erste Gewinne mit – ein Zeichen von Vorsicht, das gesund für die Märkte ist.

Kurz danach folgte die nächste Hiobsbotschaft. Meta prüft den Einsatz von Googles KI-Chips in den eigenen Rechenzentren – ein direkter Angriff auf Nvidia. Gleichzeitig kündigte Google Gemini 3 an, das ChatGPT hinter sich lassen soll. Das Entscheidende: Gemini 3 nutzt Googles Tensor Processing Units statt der teuren Nvidia- Chips. Es war ein Schock für die Märkte. Googles TPUs sind kostengünstiger und speziell für Machine Learning entwickelt. Allerdings sind sie Spezialistinnen, während Nvidias Chips Generalistinnen sind. Nvidia-Prozessoren treiben Gaming-Grafiken an, berechnen komplexe Renderings und lassen sich flexibel für jedes KI-Modell einsetzen. TPUs funktionieren im KI-Bereich brillant, sind aber weniger universell einsetzbar. Nvidia bleibt das Schweizer Messer der Chipindustrie – doch der Druck wächst. Die Schweiz und die USA haben sich im Zollstreit geeinigt – eine grosse Erleichterung für die Schweizer Wirtschaft, wie Bundesrat Guy Parmelin betont. Die amerikanischen Strafzölle sinken von 39 auf 15 Prozent, was rund vierzig Prozent der Schweizer Exporte betrifft.

Im Gegenzug verpflichtet sich die Schweizer Wirtschaft, bis Ende 2028 zweihundert Milliarden Dollar in den USA zu investieren – vor allem in Pharma, Maschinenbau und Luftfahrttechnik. Konzerne wie Stadler und Pilatus kündigten bereits neue Produktionsstandorte an. Doch die Erleichterung ist vorläufig. Die Einigung ist erst unverbindlich – ein rechtsverbindlicher Vertrag muss noch vom Parlament genehmigt werden. Das grösste Problem: die Handelsbilanz. Die USA erwarten, dass die Schweiz ihr Defizit abbaut, doch die Schweiz hat sich nur zu Bemühungen verpflichtet. Auch bei den Investitionen fehlt eine klare Definition, was zählt. In der Landwirtschaft öffnet sich die Schweiz für amerikanisches Fleisch. Bei Chlorhühnern hat sie sich nicht verpflichtet – doch Washington wird zurückfordern. Weitere Knackpunkte sind Rüstungskäufe und Sicherheitspolitik. Viele Punkte sind bewusst unscharf gelassen worden. Das macht die kommenden Verhandlungen riskant für die Schweizer Souveränität.

Was sich in Brasilien abzeichnet, ist mehr als ein Rückschlag für die Energiewende – es ist ein Wendepunkt, an dem die Welt erkennt, dass das Zeitalter der schönen Versprechungen vorbei ist. Die globalen CO₂- Emissionen erreichen 2025 ein Rekordhoch von 42,2 Milliarden Tonnen. Nach Berechnungen der Wissenschaftler bleiben nur noch vier Jahre, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die bisherige Erwärmung liegt bereits bei 1,36 Grad. Trotz erneuerbarer Energien wächst der Energiebedarf schneller. China, der grösste Emittent, steigert seine Emissionen um 0,4 Prozent. Die USA erhöhen ihre um 1,9 Prozent, Indien um 1,4 Prozent. Ein Tropenwaldfonds soll die Entwaldung stoppen. Doch die Zahlen zeigen: Das reicht nicht aus.

 

AUSBLICK

SCHWEIZ IM GLEICHGEWICHT, USA UNTER DRUCK – UND DEUTSCHLAND BRAUCHT MEHR ALS GELD

Nach Wochen der Unsicherheit pendeln sich die Zinserwartungen langsam wieder ein und nähern sich einem stabilen Gleichgewicht. In der Schweiz zeichnet sich ein klares Bild ab: Die Märkte rechnen über die nächsten zwölf Monate mit keiner weiteren Zinssenkung der Schweizer Nationalbank. In den USA ist die Situation deutlich weniger stabil. Nach dem Ende des Government Shutdowns liegen den amerikanischen Währungshütern endlich wieder aktuelle Konjunkturdaten vor – und diese sind schwächer als erhofft. Die Anleihenmärkte preisen jetzt Zinssenkungen im Umfang von 0.8% ein, was drei bis vier Senkungen über die nächsten zwölf Monate bedeutet. Besonders auffällig: Schwache Konjunkturdaten nähren die Erwartung einer bereits im Dezember kommenden Zinssenkung.

Der Internationale Währungsfonds sieht Deutschland an einem Wendepunkt. Die Reform der Schuldenbremse könnte der Wirtschaft Schwung geben – aber nur bei richtigem Einsatz des Geldes. Nach zwei Rezessionsjahren erwartet der IWF 2025 nur 0.2% Wachstum. Doch 2026 sollen es 1.0% sein, 2027 rund 1.5%. Die zusätzlichen Staatsausgaben für Infrastruktur und Bundeswehr könnten diesen Aufschwung ermöglichen. Allerdings warnt der IWF vor Fehlzügen. Deutschland braucht echte Strukturreformen: mehr Digitalisierung, bessere Start-up-Anreize, weniger Bürokratie. Der Schuldenberg wächst 2027 auf 68% der Wirtschaftsleistung. Mehr Geld allein rettet die deutsche Wirtschaft nicht. Es braucht Reformen. In den USA bleibt der Inflationsdruck hartnäckig.

Egal wohin man schaut – die Headline-Inflation, die Kerninflation, die Produzentenpreise oder das Geldmengenwachstum (M2) – alle Indikatoren erzählen die gleiche Geschichte: Die Inflation liegt deutlich über der angestrebten Zwei-Prozent-Marke. Es ist ein breites, hartnäckiges Phänomen, das sich einfach nicht abschwächen will. Für die Federal Reserve wird das zum Problem. Denn während die Märkte bereits mit Zinssenkungen rechnen, signalisieren diese Daten das Gegenteil: Die Inflation ist noch nicht besiegt. Trumps Zollpolitik hinterlässt bislang kaum Spuren bei den Unternehmensgewinnen. Die amerikanischen Haushalte investieren deutlich weniger Geld in Renovationen, neue Ausrüstung und geistiges Eigentum. Der alltägliche Konsum hingegen bleibt noch auf aktuellem Niveau stabil – für jetzt. Diese Divergenz zwischen schrumpfenden Investitionen und stabilem Konsum ist jedoch ein klassisches Warnsignal. Sie deutet darauf hin, dass die Unsicherheit wächst. Wenn amerikanische Haushalte beginnen, ihre zukünftigen Ausgaben zu kürzen, während sie noch heute konsumieren, fällt die Verbraucherzuversicht. Das könnte der Anfang vom Ende des bislang robusten Konsums sein – und damit ein ernstes Problem für die US-Wirtschaft.

Nichts Neues ist die zentrale Rolle der Tech-Konzerne. Sie tragen den gesamten Index. Die Gewinnmargenerwartungen für Tech liegen deutlich über allen anderen Industrien. Investoren zahlen höhere Bewertungen dafür. Das offenbart eine unbequeme Wahrheit: Die zukünftige Profitabilität der Tech-Unternehmen ist nicht verhandelbar.

FOKUS

WIE APPLE SICHERER WURDE ALS DIE USA

Unsere Staaten geben Geld aus, das sie nicht haben – und seit 25 Jahren wird es immer schlimmer. Während die Schuldenberge wachsen, passiert etwas Bizarres: Manche Unternehmen werden plötzlich vertrauenswürdiger als ihre eigenen Länder. Was das für deine Geldanlage bedeutet – und warum die alte Sicherheit nicht mehr funktioniert – erfährst du in diesem Artikel.

Niemand will davon sprechen. Oder vielleicht trauen sich die wenigsten, es auszusprechen: Unsere Staaten verlieren den Boden unter den Füssen. Während Generationen von Politikern die Hand aufmachen, ohne sie je zu schliessen, wächst die Schuldenlast jedes Jahr um Millionen, Milliarden, Billionen. Die Rechnung wird irgendwann fällig – das weiss jeder. Nur eben nicht wann. Und vielleicht nicht bei uns, sondern bei unseren Kindern. Lange Zeit galt eine eiserne Regel an den Finanzmärkten: Staatsanleihen sind die sicherste Geldanlage überhaupt. Sicherer als Unternehmensanleihen, sicherer als Aktien. Doch diese Gewissheit bekommt immer mehr tiefe Risse.

Die wachsenden Schuldenberge schädigen nicht nur die Wirtschaft, sondern verändern auch, wie sicher Staatsanleihen wirklich sind. Sie verlieren ihren Heiligenschein, und plötzlich erscheinen manche Unternehmensanleihen gar nicht mehr so riskant. Eine unbequeme Wahrheit wird sichtbar: Das alte Versprechen funktioniert nicht mehr.

 

HAUSHALTSBUDGETS

Vor 25 Jahren lag die globale Staatsverschuldung der Industrienationen im Vergleich zur Wirtschaftsleistung (BIP) bei rund 70%. Heute, ein Vierteljahrhundert später, liegt sie bei über 110%. Politiker und Parteien kamen und gingen während dieser Zeit – der Schuldenwahn blieb jedoch bestehen. Klar, es gibt starke regionale Unterschiede, welches Land wie hoch verschuldet ist. Die Schweiz (37%) und Deutschland (64%) weisen eine relativ tiefe Verschuldungsquote auf. Wobei eine Schuldenbremse nicht nur positiv ist –gerade bei anstehenden Investitionen für die Digitalisierung eines Landes. Die Entwicklung der Staatschulden der Supermächte USA (122%), China (88%) und Japan (236%) scheint endlos zu sein.

Auch deshalb, weil die Haushaltsdefizite weiter bestehen bleiben oder gar zukünftig weiter ansteigen werden. Selbst Zolleinnahmen von rund USD 30 Mrd. pro Monat (bei aktuellen Zollsätzen) werden das Defizit der USA von USD 150 Mrd. pro Monat nur unwesentlich verbessern. Im Gegenteil, Zölle verteuern Importe und werden mittelfristig wohl die Steuereinnahmen senken. Auch auf der Ausgabenseite gibt es kaum Verbesserungen. Seit der Pandemie sind die Staatsausgaben deutlich angestiegen – in Form von Krediten, Energieausgaben, Rüstungsausgaben und Inflationshilfen. Nach dem Inflationsschub nach der Pandemie wurden vielerorts als Gegenmassnahme die Zinsen erhöht.

Damit stieg aber auch die Zinslast deutlich an. Diese höheren Refinanzierungskosten gelangen in unterschiedlichen Tempi in die Staatshaushalte aufgrund des unterschiedlichen Refinanzierungsbedarfs. In den USA sind Zinskosten mittlerweile der drittgrösste Budgetposten und sie sollen sich nochmals verdoppeln bis zum Jahr 2035. In anderen Ländern wie China wird diese Entwicklung noch folgen, aber nicht ausbleiben. Damit bleibt den Staaten immer weniger Spielraum im Bezug auf das Haushaltsbudget.

 

UNTERNEHMENSVERSCHULDUNG

35 Billionen Dollar. So viel schulden Unternehmen weltweit via Anleihen. Seit 22 Jahren wächst diese Zahl kontinuierlich – nur 2022 bremste kurz ab. Seit 2008 hat sich die Last inflationsbereinigt um 62 Prozent vergrössert. Die USA dominieren mit USD 11.4 Billionen Unternehmensanleihen – über 60% stammen von Industriefirmen und Technologiekonzernen, nicht von Banken. China folgt mit USD 6.7 Billionen, wo Finanzunternehmen über 60% der Schulden tragen. Das ist das Gegenteil des amerikanischen Modells.

Europa hat sein eigenes Muster: In Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien schuldet der Bankensektor über 70%. In 24 von 38 OECD-Ländern dominiert der Finanzsektor mit über 60%. Das ist ein europäisches Phänomen. Besonders beängstigend ist das Verhältnis zur Wirtschaftskraft. In neun OECD-Länder überschreitet die Unternehmensverschuldung die 50% Marke des BIP. Seit 2008 stieg die Unternehmens-Schuldenquoten in 30 von 38 OECD-Ländern um durchschnittlich 9%. Nur Unternehmen in Island, Irland und Portugal schafften substanziellen Schuldenabbau. Schwellenländer zeigen ein anderes Bild: Unter den 20 grössten übersteigt nur die Unternehmensverschuldung in China 15% des BIP. Damit ist vorerst kein klarer Gewinner zwischen Staaten und Unternehmen auszumachen, beide haben ihre Schulden erhöht. Wenn auch die absoluten Beträge sowie der Vergleich zur Wirtschaftsleistung bei der Staatsverschuldung deutlich negativer ausfällt. Auch wegen dem «alten» Narrativ, dass Staatsanleihen die sicherste Anlage sind.

Unternehmen verzeichnen im Vergleich zu Staaten jedoch einen deutlich geringeren anstieg der Refinanzierungskosten. Fast 50% aller Anleihen weltweit kosten 4% Zins oder weniger. Der Grund: lange Laufzeiten und fixe Zinssätze schützen alte Schulden. Dieser Schutz ist historisch. 2000 hatten nur 10% der Investment- Grade-Anleihen solch niedrige Zinsen. Ein vollständiger Umbruch in zwei Jahrzehnten. Doch neue Anleihen werden zu deutlich höheren Zinsen ausgegeben. Investment-Grade-Unternehmen zahlen im Schnitt 3.5%, 2021 waren es lediglich 0.9%. In einer Welt mit hoher Schuldenlast und grossen Refinanzierungsbedarfen könnten die Zinsen länger erhöht bleiben. Dann wird die Rechnung unbarmherzig: Alte Schulden fällig, neue Schulden teuer. Der Anstieg der Gesamtschuldenlast könnte beschleunigen – und plötzlich wird die versteckte Last sichtbar.

 

DIE HEIMLICHEN GEWINNER

Wenn sich Unternehmen Geld leihen, zahlen sie höhere Zinsen als Staaten. Der Grund ist einfach: Sie sind riskanter. Ein Staat kann notfalls die Steuern erhöhen – ein Unternehmen kann pleite gehen. Doch die Staatshaushalte sind in den letzten Jahren massiv unter Druck geraten. Das Ergebnis: eine bizarre Marktsituation. Heute gibt es Unternehmen, die sich günstiger Geld leihen als der Staat selbst. Sie zahlen weniger Zinsen – nicht mehr. Der normale Risikoaufschlag ist zu einem Risikoabschlag mutiert. In Europa zeigt sich das Phänomen bei Schwergewichten wie Louis Vuitton, L‘Oreal, Airbus und AXA. Diese Top-Unternehmen zahlen zeitweise weniger Zinsen als Frankreich selbst. Warum? Weil Anleger in unsicheren Zeiten lieber in sichere, bekannte Namen investieren – und Staaten als Schuldner zunehmend fragwürdig erscheinen. In den USA ist es eine andere Geschichte: Dort dominieren die Tech-Giganten diesen Club. Apple, Microsoft und Co. sind die idealen Schuldner – kaum Schulden, dicke Gewinne. Sie können sich praktisch zum Spottpreis Geld leihen.

 

SURVISTA

Die Staatshaushalte werden immer fragiler – und niemand scheint das Problem wirklich lösen zu wollen. Warum? Weil Schuldenabbau unbequem ist. Weniger Ausgaben heisst: Kürzungen bei Renten, Infrastruktur, Bildung. Das kostet Wählerstimmen und betrifft uns alle im persönlichen Alltag. Der Populismus macht es noch schlimmer. Jede Partei verspricht lieber mehr, statt weniger. Wer traut sich schon, vor der Wahl zu sagen: „Wir müssen sparen“? Das ist politischer Selbstmord. Also geschieht das Naheliegendste: Die Schulden wachsen weiter – und die Märkte fangen an, das zu bemerken. Die naheliegende Idee: Raus aus Staatsanleihen, rein in Unternehmensanleihen. Aber Stopp – so einfach ist es nicht. Das Problem: Unternehmensanleihen sind bereits teuer. Die Bewertungen sind auf Rekordniveaus – teilweise sogar extremer als bei Aktien. Klar, theoretisch könnten die Zinszuschläge noch weiter sinken. Aber realistisch? Eher nicht. Und noch wichtiger: Bei den heutigen Zinssätzen kommt fast die gesamte Rendite vom Basiszins – also von den Staatsanleihen. Der Unternehmens-Risikozuschlag? Ein Tropfen auf dem heissen Stein. Man wird für das Extra- Risiko einfach nicht bezahlt.

Das Aber – und es ist ein wichtiges: Ja, viele Unternehmen sind finanziell gesünder als ihre Staaten. Das stimmt. Aber hier endet der Vergleich: Ein Staat kann im äussersten Fall Geld drucken und seine Schulden tilgen – mit unangenehmen Nebenwirkungen wie Inflation, klar. Unternehmen? Die haben diese Hintertür nicht. Wenn das Geld weg ist, ist es weg.