Strategie Update: September 2026

Die Hälfte kassiert der Staat: Was Sie an der Zapfsäule wirklich bezahlen

RÜCKBLICK

DIE FINANZMÄRKTE IM AUGUST

An den Aktien- und den Anleihenmärkten verlief der August gegensätzlich. Auf der Aktienseite eine Rekordjagd: Am 12. August schloss der S&P 500 erstmals über 7’800 Punkten und markierte kurz darauf bei 7’814 ein Allzeithoch. Auf der Zinsseite gleichzeitig die heftigste Verwerfung seit Jahren. Dieselbe Wirtschaftslage, zwei gegensätzliche Urteile.

Dafür sorgte die Berichtsaison, und sie war aussergewöhnlich. In den USA stiegen die Gewinne im zweiten Quartal um 50,5 Prozent, die Umsätze um 14,7 Prozent — Raten, wie man sie sonst nur nach Rezessionen sieht. Über 80 Prozent der Unternehmen übertrafen die Erwartungen. Es ist das siebte Quartal in Folge mit zweistelligem Gewinnwachstum, auch ohne die Sondereffekte bei Alphabet und Amazon. Europa lieferte 24,9 Prozent Gewinnwachstum, Asien-Pazifik 46,6 Prozent, die Schweiz mit 4,2 Prozent am wenigsten.

Den Schlusspunkt setzte Nvidia am 26. August: 96,2 Milliarden US-Dollar Umsatz, ein Plus von 106 Prozent, 75 Prozent Bruttomarge, ein Ausblick von 108 Milliarden — ohne einen Dollar aus China, und für das kommende Geschäftsjahr rund 70 Prozent Wachstum; begrenzt werde nicht die Nachfrage, sondern die Liefermenge. Die Aktie gewann tags darauf 442 Milliarden US-Dollar an Wert — der zweitgrösste Tagesgewinn, den je eine Aktie verbucht hat. Die Zweifel aus dem Juli waren vom Tisch.

Am Anleihenmarkt lief der Film rückwärts. Die dreissigjährige US-Treasury rentierte Mitte Monat 5,34 Prozent, so viel wie zuletzt 2007. Am 19. August verdoppelte Finanzminister Bessent die Rückkäufe langlaufender Anleihen auf vier Milliarden US-Dollar pro Operation; die Rendite fiel kurz, stand zwei Tage später aber wieder bei 5,27 Prozent, und der Dow verlor 700 Punkte. Das Problem liegt tiefer: Das Defizit läuft bei rund sechs Prozent der Wirtschaftsleistung, der Schuldenstand überschritt erstmals 40 Billionen US-Dollar. Und es ist kein amerikanisches Problem: Japans dreissigjährige Anleihe rentierte 4,07 Prozent, britische Gilts 5,81 Prozent, deutsche Bundesanleihen so viel wie zuletzt vor fünfzehn Jahren.

Die Konjunkturdaten passten zu keinem der beiden Bilder. Im Juli verlor die US-Wirtschaft 23’000 Stellen statt der erwarteten 83’000 zu gewinnen, die Vormonate wurden um 103’000 nach unten revidiert. Die Teuerung ging auf 3,4 Prozent zurück, die Kernrate auf 2,5 Prozent. Die Fed beliess den Leitzins Ende Juli bei 3,50 bis 3,75 Prozent — mit drei Gegenstimmen, die erhöhen wollten. Für die Sitzung vom 16. September preist der Markt ein Unentschieden zwischen Erhöhung und Pause.

Geopolitisch blieb Öl das Leitthema. Iran und Oman einigten sich auf einen Korridor durch die Strasse von Hormus samt Aufteilung der Einnahmen; offen ist die Meerenge damit nicht. Am 24. August kündigte Bessent mit der «Operation Economic Outcast» Sanktionen gegen rund 60 Unternehmen, Personen und Schiffe an. Brent gab von 89 auf 86 US-Dollar nach. Die eigentliche Bewegung fand bei den Edelmetallen statt: Gold legte gut 15 Prozent zu — der stärkste Monat seit September 1999 —, Silber über 17 Prozent.

Zum Monatsende schaute alles nach Jackson Hole, wo Kevin Warsh seine erste Rede als neuer Chef der US-Notenbank hielt. Die grosse Frage: Steigen die Zinsen weiter oder ist Schluss? Warsh gab sich hart – die Bekämpfung der Inflation hat für ihn Vorrang. Zudem kündigt die Notenbank ihre nächsten Schritte künftig nicht mehr im Voraus an. Nach der Rede rechnen die Anleger mit rund 60 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im September.

AUSBLICK

DER ANLEIHENMARKT SCHICKT DIE RECHNUNG

Der August hat die zentrale Nervosität des Marktes eher verschärft als gelöst. Während die Aktienseite eine aussergewöhnliche Gewinnsaison feierte, preiste das lange Ende der Zinskurve weltweit etwas anderes ein. Diese Divergenz ist für uns das bestimmende Thema der kommenden Monate.

An der Ausgangslage hat sich wenig geändert. Hormus bleibt geschlossen, im Roten Meer werden weiterhin Tanker angegriffen, und selbst eine Wiedereröffnung beseitigt die Folgekosten nicht. Der physische Markt bestätigt das: Über den ganzen Rohstoffkomplex wird ein Aufpreis für sofortige gegenüber späterer Lieferung bezahlt — die Handschrift echter Knappheit, nicht von Spekulation. Der Terminmarkt sieht es anders und preist eine rasche Normalisierung ein; auch die Inflationserwartungen bewegen sich kaum. Wir lesen darin weniger den Glauben an tiefe Inflation als das Vertrauen in die Notenbank — bequem, solange es hält.

Neu ist, dass ein Markt es nicht mehr glaubt. Die Renditen am langen Ende stiegen im August von Tokio über London bis Washington, und zwar nicht aus Konjunkturoptimismus. Bezahlt wird eine höhere Laufzeitprämie: für Defizite, für Emissionsvolumen, für Zweifel an der Fiskaldisziplin. Wie dünn das Eis ist, zeigte der Interventionsversuch des Finanzministeriums — die Wirkung der verdoppelten Rückkäufe hielt zwei Handelstage. Ein Käufer, der kaufen muss, ist kein Argument, sondern ein Symptom.

Die Aktienseite hat diese Rechnung bisher nicht inkludiert. Fairerweise geben die Zahlen den Optimisten recht, im August deutlicher als je zuvor, und die Schätzungen für 2027 steigen weiter. In den Schätzungen fehlen allerdings zwei Kosten, die längst real sind. Energie ist teuer, seit Hormus gesperrt ist. Neu dazugekommen ist das teurere Geld: Die gestiegenen Zinsen verteuern jeden Unternehmenskredit. Beides schmälert die Gewinne. Früher oder später passt sich beides an — meist zuerst der Kurs, dann die Schätzungen.

Dazu haben sich Bewertung und Zins weiter entkoppelt: Im August stiegen die Kurse auf Rekordstände und die Zinsen gleich mit, die Risikoprämie wurde noch dünner. Das Gegenargument gilt weiterhin: Die grössten Konzerne sind margenstärker, kapitalärmer und weniger energieintensiv als vor 25 Jahren. Das rechtfertigt eine höhere Bewertung — es schafft das Risiko aber nicht ab, sondern verschiebt es in die Bewertung.

Was uns vorsichtig stimmt, ist die Finanzierung dieser Zuversicht, und die ist doppelt geliehen. Fremdfinanzierte Aktien-ETFs liegen auf Rekordniveau, und die KI-Investitionen laufen zunehmend über Anleihen: Rund ein Drittel der Ausgaben stammt aus Fremdkapital, dazu kommen erhebliche ausserbilanzielle Verpflichtungen. Genau jenes Element, dessen Fehlen Howard Marks jahrelang gegen die Blasenthese ins Feld führte, ist damit da.

Wir sehen keinen Grund, Aktien den Rücken zu kehren: Die Gewinne sind echt, die Unternehmensqualität ist real gestiegen. Aber die zusätzliche Rendite, die man für das Aktienrisiko erhält, entschädigt nicht mehr grosszügig für die Risiken, die auf dem Tisch liegen. Für uns heisst das: investiert bleiben, aber selektiv. Reale Werte und Inflationsschutz behalten — der August hat gezeigt, wofür man sie hält. Duration mit Mass und Absicherung als das behandeln, was sie ist — eine günstige Versicherung in einem Markt, der zwei Preise für dieselbe Zukunft handelt.

FOKUS

DIE HÄLFTE KASSIERT DER STAAT: WAS SIE AN DER ZAPFSÄULE WIRKLICH BEZAHLEN

Kaum ein Preis ist so sichtbar wie jener an der Zapfsäule – und kaum einer wird so wenig verstanden. Seit dem Sommer steht die Anzeige in der Schweiz erstmals seit vier Jahren wieder über zwei Franken, und wer in den Ferien durch Europa gefahren ist, hat sich über Unterschiede von bis zu einem Euro pro Liter gewundert. Wir zerlegen den Literpreis in seine Bestandteile, zeigen, warum Nachbarländer so unterschiedlich tanken, und werfen einen Blick darauf, was das für Tankstellen und Konsumenten bedeutet.

Die Sommerferien sind vorbei, die Fotoalben gefüllt – und wer mit dem Auto durch Europa gereist ist, hat sich an der Zapfsäule vermutlich mehr als einmal gewundert: Warum kostet der Liter Benzin diesseits einer Grenze plötzlich 40 Rappen mehr als jenseits davon? Zurück in der Schweiz wartet die nächste Überraschung. Erstmals seit rund vier Jahren ist der Durchschnittspreis für Bleifrei 95 wieder über die magische Marke von zwei Franken geklettert – auf 2.02 Franken je Liter, fünf Rappen mehr als eine Woche zuvor und rund 21 Rappen mehr als Ende Juni. Diesel liegt mit 2.27 Franken sogar noch deutlich höher. Zuletzt standen die Anzeigetafeln im Herbst 2022 auf diesem Niveau, damals angetrieben vom Krieg in der Ukraine.

Wie setzt sich dieser Preis eigentlich zusammen? Woher kommen die grossen Unterschiede quer durch Europa? Und was bedeutet all das für die Tankstellen und für uns als Konsumentinnen und Konsumenten? Genau diesen Fragen gehen wir im Folgenden nach – mit vielen Zahlen und dem einen oder anderen überraschenden Vergleich.

 

ZUSAMMENSETZUNG

Der Preis an der «Schweizer» Säule besteht im Kern aus drei Blöcken: der Beschaffung des Rohstoffs samt Transport, den staatlichen Abgaben und den Vertriebskosten inklusive Marge.

Rohstoff und Frachtkosten: Rohöl wird in US‑Dollar gehandelt, das fertige Produkt – Benzin und Diesel – über den europäischen Referenzhandelsplatz Rotterdam. Für die Schweiz zählt deshalb nicht nur der Brent‑Preis (eine Sorte von Erdöl), sondern auch der Wechselkurs: Ein starker Franken dämpft steigende Notierungen, ein schwacher verstärkt sie. Auf die Beschaffung kommt die Fracht bis in die Schweizer Tanklager hinzu. Und genau hier liegt aktuell ein Brandbeschleuniger: Wegen Niedrigwassers am Rhein ist der Tarif für den Binnenschifftransport zwischen Rotterdam und Basel innert gut einem Monat von 33.50 auf 240 Franken pro Tonne explodiert – fast das Siebenfache. Kommen wie derzeit noch reduzierte Raffineriekapazitäten und geopolitische Spannungen im Nahen Osten dazu, schlägt das rasch auf die Preistafel durch.

Steuern und Abgaben: Der grösste Einzelblock ist meist der Staat. Fix erhoben werden die Mineralölsteuer und der Mineralölsteuerzuschlag: zusammen 76,82 Rappen je Liter Benzin und 79,57 Rappen je Liter Diesel, dazu kommen geringe Importabgaben (unter anderem für die Pflichtlagerhaltung). Obendrauf folgt als variable Abgabe die Mehrwertsteuer von 8,1 Prozent – und zwar auf den gesamten Betrag inklusive der fixen Abgaben. Es ist also, etwas salopp, eine «Steuer auf die Steuer». Beim aktuellen Preisniveau summieren sich alle Abgaben damit auf rund 46 Prozent des Benzin‑ und rund 43 Prozent des Dieselpreises. Weil die Mineralölsteuer als fester Rappenbetrag anfällt, sinkt ihr prozentualer Anteil paradoxerweise, je teurer der Treibstoff wird.

Wohin fliesst das Geld? Der Mineralölsteuerzuschlag geht vollständig in den Nationalstrassen‑ und Agglomerationsverkehrs‑Fonds (NAF), die Mineralölsteuer zu grossen Teilen in den Strassenverkehr und in die Bundeskasse. Insgesamt spült der Treibstoffverkauf dem Bund jährlich einen Milliardenbetrag in der Grössenordnung von rund fünf Milliarden Franken ein. Nicht als Steuer, aber als Kostenpunkt hinzu kommt die CO₂‑Kompensationspflicht der Importeure: Treibstoffe unterliegen zwar nicht der CO₂‑Abgabe (diese trifft nur Brennstoffe wie Heizöl), doch müssen Importeure einen Teil der Emissionen kompensieren – auch das landet im Literpreis.

Vertrieb und Marge der Tankstellen: Was nach Beschaffung, Fracht und Abgaben übrig bleibt – im Schnitt rund 30 Rappen je Liter –, deckt den gesamten Weg vom Tanklager bis zur Zapfsäule: Lagerung, Pipeline‑, Bahn‑ und Lkw‑Transport, Unterhalt und Amortisation der Tankstelleninfrastruktur, Löhne, Marketing und schliesslich die Gewinnmarge. Anschaulich rechnete es der Branchenverband Avenergy einmal am Beispiel einer 30‑Franken‑Tankfüllung vor: Rund die Hälfte floss als Steuern an den Bund, und am Ende blieben etwa vier Franken an der Tankstelle hängen – Handelsspanne inklusive Gewinn. Die eigentliche Marge ist also überraschend dünn.

UNTERSCHIEDE IN EUROPA

Woher stammen die grossen Unterschiede in Europa? Hier liegt die vielleicht wichtigste Erkenntnis für alle Ferienreisenden: Der Treibstoff selbst – das Rohprodukt aus Rotterdam – kostet überall in Europa ungefähr gleich viel. Was den Preis an der Säule von Land zu Land um bis zu einem Euro pro Liter auseinandertreibt, ist fast ausschliesslich die Besteuerung – Verbrauchsteuer plus Mehrwertsteuer. Dazu kommen kurzfristige nationale Eingriffe: Polen etwa senkte über die Sommerferien die Mehrwertsteuer auf Treibstoff vorübergehend von 23 auf 8 Prozent, Italien reduzierte die Verbrauchsteuer zeitweise nur auf Diesel, andere Länder arbeiteten mit Preisobergrenzen. Für Länder ausserhalb der Eurozone – wie die Schweiz – kommt der Wechselkurs als zusätzlicher Faktor hinzu.

Das Muster ist eindeutig: Am günstigsten tankt man in Ost‑ und Südeuropa sowie in den Steueroasen, am teuersten in Skandinavien und im Nordwesten. Schweden ist aufgrund von Steuersenkungen und einer seit Jahresbeginn schwächeren schwedischen Krone eine Ausnahme. Im EU‑Durchschnitt machen Steuern rund 52 Prozent des Benzin‑ und knapp 45 Prozent des Dieselpreises aus.

Und hier lohnt der zweite Blick, gerade für ein finanzaffines Publikum: Die Schweiz gilt als Hochpreisinsel – bei den Treibstoffsteuern ist sie es aber gerade nicht. Mit einer Mehrwertsteuer von nur 8,1 Prozent (gegenüber 19 bis 25 Prozent in weiten Teilen der EU) und vergleichsweise moderaten fixen Abgaben liegt der Steueranteil am Schweizer Literpreis unter dem EU‑Schnitt. In «normalen» Zeiten ist Schweizer Sprit umgerechnet deshalb oft günstiger als deutscher. Dass die Schweiz aktuell trotzdem im oberen Drittel auftaucht, hat zwei Gründe, die wenig mit dem Fiskus zu tun haben: der historisch starke Franken, der jeden Schweizer Preis in Euro teuer erscheinen lässt, und die erwähnte Angebots‑ und Frachtsonderlage. Als Schweizer tankt man derzeit also günstiger im Ausland.

 

KONSOLIDIERUNG

Die Schweiz verfügt über eines der dichtesten Tankstellennetze Europas: rund 3’300 öffentlich zugängliche Markentankstellen (Stand 2025), dazu einige Hundert unabhängige Stationen, meist bei Autogaragen. Über die letzten 15 Jahre ist die Zahl langsam, aber stetig gesunken – seit 2011 um knapp 280 Stationen. Die Branche spricht von «Strukturbereinigung».

Der Markt ist konzentriert und wird von wenigen grossen Netzen geprägt. Die fünf grössten sind Avia (526 Stationen), Agrola (409), BP (309), Migrol (308) und Coop (264). Bemerkenswert ist die Nähe zum Detailhandel: Hinter Migrol steht die Migros, hinter dem Coop‑Netz der zweite orange Riese. BP konzentriert sich stark auf Autobahnstandorte und ist – anders als etwa Avia oder Agrola – auch Produzent. Socar, ursprünglich das ehemalige Esso‑Netz, gehört heute zum aserbaidschanischen Staatskonzern. In einem solchen Umfeld weniger Akteure fällt der klassische Preiskampf entsprechend zurückhaltend aus.

Wirtschaftlich verschiebt sich das Geschäftsmodell weg vom reinen Treibstoff. Tankstellen mit Shop machen zwar nur etwa ein Drittel aller Stationen aus, wickeln aber rund zwei Drittel des Treibstoffabsatzes ab – und verdienen zunehmend am Kaffee, am Sandwich und am Sortiment statt an der Marge auf dem Liter. Die Zahl der Shopstationen ist zuletzt auf rund 1’386 gestiegen, mit Trend zu grösseren Verkaufsflächen. Der durchschnittliche Absatz je Station liegt bei etwa 1,2 Millionen Liter pro Jahr, leicht rückläufig; die 65 Autobahntankstellen setzen mit im Schnitt 2,29 Millionen Liter mit Abstand am meisten um. Parallel rüsten die Betreiber auf: 233 Stationen bieten inzwischen mindestens eine Schnellladestation – ein Plus von 43 Prozent innert Jahresfrist.

KONSUMENTEN

Steigende Preise verändern das Verhalten der Konsumenten – aber weniger radikal, als man meinen könnte. Wer auf das Auto angewiesen ist, tankt weiter, fährt vielleicht etwas sparsamer und vergleicht häufiger. Genau dafür hat sich der Preisvergleich etabliert: Der TCS‑Benzinpreis‑Radar erfasst rund 3’800 Stationen; als Faustregel für den lohnenden Umweg gilt die «5er‑Regel» – mindestens 5 Rappen Ersparnis pro Liter, höchstens 5 Kilometer Umweg, mindestens 50 Liter im Tank.

Besonders eindrücklich zeigt sich die Preissensibilität am Tanktourismus – und daran, wie stark der Wechselkurs ihn steuert. 2008, als der Euro noch 1.60 Franken kostete, tankten ausländische Kundinnen und Kunden rund 475 Millionen Liter Benzin und 75 Millionen Liter Diesel in der Schweiz. Nachdem die Nationalbank Anfang 2015 den Euro‑Mindestkurs aufgab, verteuerte sich Schweizer Sprit für Grenzbewohner über Nacht um rund 25 Rappen – der Benzin‑Tanktourismus kam praktisch zum Erliegen. Umgekehrt liess sich beobachten, wie schnell Schweizer über die Grenze fahren, wenn dort Rabatte locken: Als Deutschland, Frankreich und Italien im Sommer 2022 Tankrabatte gewährten, brach der Schweizer Absatz im Juli um 15 Prozent gegenüber dem Mittel der Vorjahre ein – an einzelnen Grenztankstellen um bis zu 80 Prozent.

Unter dem kurzfristigen Auf und Ab liegt ein struktureller Trend: Der fossile Treibstoffabsatz sinkt langfristig, Elektromobilität und effizientere Fahrzeuge drücken die Nachfrage. Kurzfristig aber bleibt der Autofahrer weitgehend preisunelastisch – die Zwei‑Franken‑Marke ärgert, ändert am Tankverhalten der meisten aber wenig. Und genau das macht den Treibstoffpreis zu einem so verlässlichen Seismografen für Geopolitik, Frachtmärkte und Währungen zugleich.